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Traumasensibles Yoga

Was ist ein Trauma?

Als traumatisch erleben wir Situationen, in denen wir uns als völlig überfordert und hilflos erleben. Das Angstzentrum unseres Organismus, die Amygdala, schlägt Alarm und löst unser physisches "Notfallprogramm" aus. Ist die Reizüberflutung jedoch so massiv und sind die Schmerzen unerträglich, brechen die üblichen Verarbeitungsmechanismen („Fight-or-Flight“) zusammen. Unserem System bleibt nur noch Erstarrung bzw. der Totstellreflex. Es ist die letzte Überlebensstrategie. Die Abspaltung von sich selbst und die Verdrängung sind Schutzreaktionen, um weiter zu leben.

 

Traumatische Erfahrungen sind nicht immer Einzelerlebnisse, die mit physischer Gewalt zu tun haben, wie etwa Krieg, Misshandlung oder das Miterleben einer Naturkatastrophe. Der plötzliche Verlust eines geliebten Menschen oder auch des Arbeitsplatzes können ebenso tiefe Spuren in Körper und Seele eines Menschen hinterlassen. Sehr viel subtiler und schwerer für den Betroffenen zu erkennen, sind traumatische Erfahrungen, die über einen ganzen Zeitraum hinweg geschehen, wie etwa Vernachlässigung in der Kindheit bzw. Jugend, andauernde Konflikte in der Partnerschaft oder am Arbeitsplatz oder die jahrelange Pflege eines Angehörigen. Dieser andauernde Stress ist oft verbunden mit einer tiefen Traurigkeit, Lethargie oder aber auch Übererregbarkeit des autonomen Nervensystems (Hyperarousal), die selbst viele Jahre später, wenn die traumatischen Erfahrungen bereits vorbei sind, noch präsent sind.


Traumasensibles Yoga, Yoga bei Depression, Yoga bei Burnout

Wie drückt sich ein Trauma aus?

Die lähmende Taubheit von dem "Notfallprogramm" des Körpers wird für viele traumatisierte Menschen zum Lebensgefühl. Es drückt sich vor allem dadurch aus, dass sie sich auch Jahre nach dem Erlebten nicht spüren.

 

»Ich fühle mich fremd in meinem Körper« oder »Ich bin wie tot.«

 

Natürliche Regulierungsmechanismen gesteuert vom Sympathikus und Parasympathikus spielen verrückt – das System bleibt dauerhaft in höchster Erregung oder Erstarrung (Hypo- bzw. Hyperarousal). Der Organismus kann nicht mehr entspannen.

 

Traumatische Erfahrungen haben ein tiefes Gefühl von Unsicherheit ausgelöst, das jederzeit wieder aufbrechen kann. Es ist, als würde man sich auf dünnem Eis bewegen. Alle, die selbst betroffen oder im näheren Kontakt mit traumatisierten Menschen stehen, kennen diese Ungewissheit, ob die dünne Eisschicht hält.

Bestimmte Situationen, ein Geruch oder ein Klang können ein Trauma triggern. Der traumatisierte Mensch wird von seiner Erinnerung überwältigt und befindet sich wieder mitten in der schmerzhaften Vergangenheit. Sowohl körperliche als auch seelische Gewalt wird von dem Körper gespeichert – Es ist der Körper, der nach einer schweren seelischen Verwundung in der Vergangenheit verhaftet bleibt. Das lebensrettende Programm, die Sinne vom Verstand abzuspalten, begleitet die Person mitunter jahrelang, bis alle Ebenen des Daseins – Körper, Seele und Geist – wieder sukzessive miteinander in Verbindung gebracht werden. Hier setzt Yoga an, das Erlebte zu verarbeiten. Eine Möglichkeit bietet eine regelmäßige, wahrnehmungsorientierte und achtsame Yogapraxis, wie das Traumasensible Yoga.


«Ein Trauma ist die Krankheit, nicht präsent sein zu können.»

 (Bessel van der Kolk)


Der Anker in der Gegenwart

Viele Traumaforscher betonen daher die Notwendigkeit einer ganzheitlichen Traumatherapie, die Körper, Seele und Geist gleichermaßen anspricht. Denn zur Bewältigung des Erlebten reicht Reden alleine nicht aus. Das Trauma und die fest sitzenden Mechanismen sollten zudem auf physischer Ebene („bottom up“) wieder gelöst werden.

Dank Yoga können traumatisierte Menschen lernen, ihren Körper und Atem als Anker in der Gegenwart zu benutzen.

Indem die traumatisierte Person sich beispielsweise über den Atem ganz bewusst zu zentrieren lernt, kann sie den sicheren Boden unter den Füßen im Hier und Jetzt wahrnehmen. Sie bekommen dadurch den Schlüssel der Wahlfreiheit in die Hand, um aus dem emotionalen Karussell auszusteigen und ihr Leben erfüllend zu gestalten.



Was ist "Posttraumatisches Wachstum"?

Menschen reifen nicht trotz widriger Umstände, sondern mit und durch diese. Diesen Reifeprozess nennt man auch Resilienz (Widerstandskraft) oder in Bezug auf Trauma "posttraumatisches Wachstum"

In der yogatherapeutischen Arbeit mit traumatisierten Menschen wird die Essenz von Yoga aufs Neue deutlich.

Es ist dieser Bewusstseinszustand der Gegenwärtigkeit, der es uns erlaubt, in Distanz zu unseren Gefühlen und Gedanken zu treten.

 

Traumasensibles Yoga knüpft also direkt an die über 2000 Jahre alte Tradition von Yoga an, welche Patanjali in seinen Sutras beschreibt. Es sind keine besonderen Asanas, die Yoga traumasensibel erscheinen lassen, sondern die Art und Weise der Ausführung. Es ist die Achtsamkeit mit der Asanas, Atem- und Entspannungsübungen ausgeübt werden, welche die Wellen des Geistes zur Ruhe kommen lassen (Yoga citta vritti nirodhah).

Für traumatisierte Menschen geht es im Yoga darum zu erfahren, dass sie selbst dazu in der Lage sind zu spüren, was ihnen gut tut und wo ihre individuellen Grenzen sind. 

 

So kann beispielsweise der Besuch von "akrobatischen Yogaklassen", die auf Leistung, Wettkampf und Vergleich ausgerichtet sind, für Menschen mit Trauma-Erfahrung zu einem eher frustrierenden Erlebnis werden. Das Gefühl der Betroffenen wird verstärkt, nicht in Ordnung zu sein und nicht mithalten zu können. Die Anregung, noch "tiefer" in eine Haltung zu gehen, verleitet vielleicht dazu, erneut die eigenen Grenzen zu überschreiten.


Was erwartet dich im Traumasensiblen Yoga?

 

Du bist WILLKOMMEN genauso wie DU bist! Du übst einfache Bewegungsabläufe, schulst deine Körperwahrnehmung und lernst so die (scheinbar) verloren gegangene Verbindung zu dir wiederherzustellen. Du darfst schweigen und das Bewegungs- und Meditationsangebot mitmachen. Möchtest du reden, ist auch dieser Raum für dich offen.

 

Fühle dich eingeladen und probiere die Yogastunde "Traumasensibles Yoga" für dich aus und entscheide im Anschluss, ob dir eine regelmäßige Teilnahme gut tun würde.


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